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Ute Schwerzel über den Nutzen der Zusammenarbeit von Schule und Sportverein

Foto Schwerzel für Sportportal„Kinder abholen, wo sie sind“

Der Sportkreis Waldeck-Frankenberg will mehr Schulen und Vereine zur Kooperation animieren. Beim Infoabend am Montag in Korbach referierte dazu Ute Schwerzel, hauptamtliche Mitarbeiterin der Sportjugend. Wir haben sie interviewt.

 

Warum sollen Sportvereine mit Schulen kooperieren?
Es gibt immer weniger Kinder und Jugendliche, gleichzeitig werden ihre Schultage länger. Da müssen wir als Vereine die Kinder und Jugendlichen da abholen, wo sie sind. Gerade auf dem Land müssen wir auch noch längere Wege zu den Trainingseinheiten vermeiden.

Schule mache sich immer mehr breit, hat Ihr Kollege Wilfried Waldmann gesagt und damit vor allem auf die Schule im Ganztag gezielt. Wenn man das Bild aufgreift: Was nimmt Schule den Vereinen?
Raum und Zeit. Es geht um die Konkurrenz bei den Hallenzeiten und solche Dinge.

Ist das wirklich ein Problem?
Gerade auf dem Land läuft das Vereinstraining doch oft erst am späten Nachmittag oder frühen Abend. Es ist eine zweischneidige Geschichte, aber es gibt das Problem. Wenn man vernünftig miteinander redet, was ich immer unterstütze, findet man aber Lösungen. Früher war das leichter, da hat der Sportlehrer an der Schule auch nachmittags oft das Training in den Vereinen geleitet. Das ging ineinander über, ist aber heute nicht mehr so – auch weil die Lehrer zum Teil von weither kommen.

Sie haben gesagt, Schule nimmt den Vereinen Zeit oder besser den Schülern, Stichwort G8. Aber immer mehr Gymnasien kehren zu neun Jahren bis zum Abitur zurück. Entspannt sich das Zeitproblem damit?
Ich denke schon. Die Kinder bekommen einen mehr entschleunigten Schulalltag. G9 stand immer für Entschleunigung: mehr Zeit für außerschulische Lernangebote wie Sport. G8 stand für das Gegenteil. Ich finde die Rückkehr zu G9 gut. Wir alle müssen länger arbeiten, von daher kann man den Kindern das zusätzliche Jahr gönnen.

Die Vereine ziehen unterschiedlich Nutzen, wenn sie mit Schulen zusammenarbeiten. Die einen bekommen plötzlich auch bei ihren eigenen Angeboten Zulauf, die anderen sehen überhaupt keinen Effekt. Ist das auch Ihre Erfahrung?
Beliebte Sportarten wie Fußball, zu denen sowieso alle hinrennen, haben sicher nicht viel Zuwachs. Andere wie Reiten oder Bogenschießen machen andere Erfahrungen. Und wenn ich als Kind von Eltern, die sich das Reiten vielleicht gar nicht leisten können, das in Form einer AG haben kann oder sogar therapeutisches Reiten angeboten bekomme, dann ist es eine super Sache.

Haben es die Exoten leichter?
Das kann man so pauschal nicht sagen. Es kommt auf die Übungsleiter an. Die Kinder suchen Leitfiguren. Wenn der Übungsleiter vor Ort klasse ist und sie wollen auch so sein, dann gehen sie in den Verein.

Ist es auf dem Land schwieriger, Übungsleiter zu finden, die Angebote in der schulischen Nachmittagsbetreuung machen können?
Das glaube ich nicht. Wir haben bei der Veranstaltung in Korbach ja auch das FSJ, das Freiwillige Soziale Jahr im Sport vorgestellt. Da haben einige gesagt, das ist eine Idee, das kann man machen.

Wie muss man sich das vorstellen?
Ein FSJler wird von Verein und Schule finanziert und hat dann die Zeit, AGs zu geben? Der FSJler bekommt 300 Euro Taschengeld im Monat, kostet den Verein aber derzeit 450 Euro. Die 150 Euro, die der Verein zu tragen hat, kann man durch Kooperation mit Schulen wieder hereinbekommen. Ich kenne einen Verein in Kaufungen, der hat mittlerweile zwei FSJler und sagt, nur so könne er seine Mitgliederzahl halten und tolle Angebote in der Schule machen.

Nicht alle, die ein FSJ absolvieren, sind auch Übungsleiter.
Sie kriegen ja bei uns eine Lizenz. Bei der Sportjugend Hessen als Träger des FSJ ist eine Ausbildung integriert und man kann nach einem halben Jahr die Trainer-C-Lizenz, also Freizeit- und Breitensport, erwerben. Es steckt ja die Idee dahinter, dass die jungen Leute dann wirklich in der Schule arbeiten können. Das FSJ startet am 1. September, und so kann man sie schon im zweiten Schulhalbjahr einsetzen. Die Sportjugend kann natürlich nur diese allgemeine Ausbildung bieten, keine Fachlizenzen. In Korbach haben wir auch über andere Möglichkeiten gesprochen.

Welche?
Im 9./10. Schuljahr Schülermentoren oder Übungsleitereinsteiger zu schulen mit dem Ziel, dass sie in einer AG dann Juniorsportassistent werden können. Aber wir müssen erst mal abklären, ob das von der Sportjugend Hessen okay ist.

Das heißt, Neunt- und Zehntklässler könnten ein Sportangebot an der Schule zum Beispiel unter Aufsicht eines Sportlehrers mitbetreuen?
Ganz genau. Das fand ich einen spannenden Gedankengang, der aus dem Forum kam. Wenn Bedarf ist, bleiben wir an dem Thema dran.

Was hat eine Schule davon, wenn sie Vereine bei der Nachmittagsbetreuung mit ins Boot nimmt?
Sie bekommt Fachkräfte, die sie zum Teil in der Schule nicht hat. Wirklich engagierte Leute.

Wo sehen Sie die größten Hindernisse für Zusammenarbeit?
Übungsleiter haben in ihrer Jugend nicht immer gute Erfahrungen mit Schule gemacht. Man muss Übungsleiter bestärken, die sich darauf einlassen. Ich weise sie darauf hin, dass sie in ihrem Fachgebiet gut sind und das es vollkommen egal ist, wie früher ihr Schulalltag war.

Gibt es Probleme mit Schulleitern, denen die Sportaffinität fehlt?
Zum Teil ja. Und manchmal muss sich der Verein dann eine andere Schule suchen – obwohl natürlich Schule und Verein möglichst nah beieinander sein sollten. Dann ist es leichter, dass die Kinder Zugang zum normalen Vereinsangebot finden.

Eignen sich auch Grundschulen für Kooperationen?
Auf jeden Fall. Sogar in Kindergärten gibt es schon Kooperationen mit Vereinen. Als Verein muss man so früh wie möglich versuchen, die Kinder an sich zu binden.

Noch eine Frage, die vielleicht nur entfernt zum Thema passt. Das Kultusministerium hat den Grundschulen Winterwanderungen, Wassersport, Radwanderungen sowie sportliche Aktivitäten auf Eis und Schnee auf Klassenfahrten untersagt. Was halten Sie davon?

Man kann die Kinder nicht alle in Watte packen. Wir sind früher auch raus, haben gespielt und sind auf Bäume geklettert. Heute sollen die Kinder schon wie kleine Erwachsene behandelt werden. Das ist nicht richtig. Die sollen Kind sein können, und dazu gehört es eben auch, dass man ihnen Freiräume schafft, wo sie sich ausprobieren können und nicht nur Fernsehen, Wohnzimmer, PC und Schule kennen.

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Gerhard Menkel

Unser Menki arbeitet hauptberuflich seit 1987 als Sportredakteur bei der WLZ, ist einer unserer Dienstältesten Vorstandsmitglieder (schon seit "Mao") und unterstützt den Sportkreis als Pressewart.

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