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1. Sportkreisforum: Ein Anfang ist gemacht

IMG_1120 Sportforum 27.03.2015

Waldeck-Frankenberger wollen Modellsportkreis werden

„Das sind ganz dicke Bretter, die wir da bohren müssen“, stellte Uwe Steuber am Ende fest. Und es wird kompliziert. Immerhin, der Bohrer ist angesetzt – der Sportkreis ist beim 1. Sportforum ermutigt worden, für eine neue, zukunftsfähige Sportförderung zu streiten.

Das Anliegen, das die Runde von 30 Frauen und Männern aus dem organisierten Sport und der Politik am Freitag im Sitzungssaal des Kreishauses zwei Stunden lang diskutierte, erscheint ja vernünftig: Das Geld, das dem Sport von Land und Kommunen bereitgestellt wird, soll gezielter und besser gesteuert eingesetzt werden als nach dem geltenden Gießkannenprinzip. „Wir müssen über neue Wege nachdenken“, nannte es der Sportkreis-Vorsitzende Steuber.
In den Sport in Waldeck- Frankenberg flossen laut Steuber in den Jahren 2012 und 2013 aus der Vereinsförderung des Landessportbunds (LSB), dem Landesprogramm „Sportland Hessen“ und vom Landkreis Summen von 400 000 und 290 000 Euro. Diese Gelder werden nach oft formalen Kriterien verteilt, meist fließen kleine Beträge in viele Projekte und Anschaffungen. Zahlreiche kleine Vereine rufen Geld, das ihnen beim LSB zusteht, gar nicht ab.
Steuber will all diese Mittel stärker bündeln und im Konsens mit betroffenen Kommunen und Vereinen anders als bisher verteilen. Im Sportkreis sieht er die sozusagen naheliegende Steuerungsinstanz. „Wir sind das Bindeglied zwischen Sportvereinen, Fachverbänden und der Politik“, sagte er.

Vorausschauend handeln
Blaupausen für eine solche Reform, die Kompetenz vom LSB in die Kreise verlagert, finden sich in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Gezielt schlau gemacht hat sich Steuber beim Kreissportbund des Hochsauerlandkreises, der über ein 400 000-Euro-Jahresbudget verfügt und gemeinsam mit den Stadtsportbünden in HSK Förderschwerpunkte benennt und mitfinanziert. Ein ähnliches Szenario schwebt Steuber vor, er kämpft für Waldeck-Frankenberg als Pilotprojekt mit entsprechender Finanzausstattung durch den LSB.
Steuber erkennt zwar noch keinen akuten, aber doch wachsenden Handlungsbedarf für eine Reform. „Wir wollen nicht warten, bis der Leidensdruck so groß ist, dass die Vereine ihre Sportangebote nicht mehr finanzieren können“, warb er für vorausschauendes Handeln.
Die Landschaft, durch die die neuen Wege führen, und wie diese angelegt sein könnten, umriss Matthias Schäfer. Der Leiter des Fachdiensts Sport beim Landkreis rief in einem Impulsreferat noch einmal die Ergebnisse der Sportentwicklungsplanung für Waldeck-Frankenberg in Erinnerung, die im Juni vor vier Jahren vorgestellt worden war. Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln hatten darin vor dem Hintergrund der demografischen Perspektive Bestand und Bedarf bis 2020 skizziert.
Zentrale Aussagen lauteten etwa: Mit Sportanlagen ist der Kreis üppig versorgt, aber in Mittelzentren werden je mehr Spielfelder gebraucht, je mehr Schulen zur Ganztagsbetreuung übergehen. Oder: Das im Landkreis vorhandene „ausdifferenzierte Sportangebot“ ist durch Mitglieder- und Übungsleiterschwund der Vereine gefährdet.

Wer will der Blöde sein?
Die aktuelle Sportförderung berücksichtigt die Entwicklung zu wenig, findet Schäfer. Gerade das Land stelle seine Mittel ohne Prüfung der mittel- und langfristigen Bedarfe zur Verfügung. Was aber, wenn Sportkreis und Fachdienst, die ja immer zur Stellungnahme aufgefordert sind, die Notwendigkeit einer Maßnahme verneinen? „Wer will da der Blöde sein?“, fragte Schäfer. Ein zentraler Konflikt mit den Vereinen. Er könnte entschärft werden, wenn das Land transparente, flexible und an der Ressource Zukunft orientierte Kriterien formulierte.
Schäfer benannte als Schwäche der Förderung auch lokale politische Entscheidungen, die mitunter „nicht unbedingt sachorientiert oder fachlich sinnvoll“ seien. Er bemängelte zudem eine fehlende – für ihn aber unabdingbare – Verzahnung der Sportentwicklung mit Dorf- und Regionalentwicklung.
Schäfers Schlussfolgerungen weisen Städten und Gemeinden (neben den Sportkreisen) eine Schlüsselrolle im Prozess der Sportförderung zu. Die Anforderungen sind komplex und nicht allein eine Frage des Geldes: Größere (Bau-)Maßnahmen im Sport sollten in Zukunft nicht nur intra-, sondern interkommunal geplant werden; Perspektiven müssten vereins- und sportartübergreifend gedacht werden, Sinn und Unsinn einer Förderung nach der tatsächlichen Notwendigkeit geprüft werden.

Schäfer stellte in diesem Kontext Überlegungen an, mehr Geld in Personen statt in Sportstätten zu investieren. „Das Kind kommt nicht wegen der tollen Plätze, sondern zum Übungsleiter, der den Sport anbietet.“
Die Vereine sieht Schäfer vor zahlreiche Herausforderungen gestellt. Stichworte: Notwendigkeit stärkerer Hauptamtlichkeit; mehr Fusionen oder Kooperationen mit anderen Clubs; Übernahmen von Sportstätten, die die Kommune nicht mehr unterhalten will oder kann; deren Schließung und Formen von Kompensation wie das „Sporttaxi“, über das dann der Transport von Jugendlichen in den Nachbarort organisiert wird.

Jens Prüller, Leiter des Geschäftsbereichs Infrastruktur beim LSB, bejahte grundsätzlich die Notwendigkeit zu handeln. „Wir sind in einem Wandlungsprozess“, sagte er. Eine Herkulesaufgabe ist die Sanierung und Modernisierung der in die Jahre gekommenen Sportstätten, der Sanierungsstau wird hessenweit auf gigantische zwei Milliarden Euro hochgerechnet. Egal, ob die Summe nun noch höher oder niedriger ist: „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir die Sportstätten nicht in allen Bereichen werden erhalten können“, sagte Prüller.

Königsweg? Gibt´s nicht
Die „heterogenen Strukturen“ im LSB, also Unterschiede etwa von Stadt oder Land, oder differente demografische Trends – Wachstum der Bevölkerung im Großraum Frankfurt, Rückgang in den ländlichen Kreisen Nordhessens – erfordern für ihn jeweils individuelle Herangehensweisen. „Wir haben noch keinen Königsweg gefunden, und ich glaube, es gibt auch keinen“, sagte Prüller.
Sein Rat: Mit offenen Augen an die Aufgaben herangehen und miteinander reden. In der Diskussion spürten Steuber und Schäfer grundsätzlich Rückenwind für ihren Ansatz. „Die Gelder können besser vor Ort verteilt werden, das können sie in Frankfurt nicht übersehen“, sagte Dankwart Terörde, Spartenleiter Badminton beim TSV Korbach. Er brach auch eine Lanze für die Teil-Hauptamtlichkeit im Verein. Sie könne Übungsleiter von einem Großteil der Bürokratie entlasten.

Gefährliche Zentralisierung
Einverstanden war die Runde mit dem Gedanken, die Übungsleiter besser zu bezahlen, weil diese oft für „´n Appel und ´n Ei“ arbeiten“. Terörde bezweifelte aber ihre von Schäfer angenommene Verfügbarkeit vor den üblichen Büro- und Betriebsschlusszeiten am Nachmittag.
Umstritten die Frage, wie Übungsleiter reagieren, wenn etwa die Halle im eigenen Dorf schließen muss und sie beim Nachbarverein Kurse geben sollen. Die heimische Landtagsabgeordnete Claudia Ravensburg warnte vor Zentralisierungs-Tendenzen: „Dann brechen uns vielleicht die Übungsleiter weg.“ Die Fachbereichsvorsitzende beim Turngau Waldeck, Marianne Becker, verwies darauf, dass Vereine auch deshalb ihre Mitglieder zu Übungsleitern ausbilden ließen, um sie an den eigenen Verein zu binden.
Ravensburg bejahte Überlegungen zur Reform der Sportförderung: „Auch die Politik führt diese Diskussion.“ Doch über Sinn und Unsinn des Sportstättenbaus vor Ort könne die Politik nicht bestimmen. Sie favorisierte statt dessen ein Anreizsystem über den LSB. Ulrich Manthey (Schwalm-Eder), Vorsitzender des Beirats der hessischen Sportkreise, pochte in diesem Kontext auf die „Autonomie des Sports“. Bernd Backhaus, Vorsitzender des SV Buchenberg, brach eine Lanze für das aktuelle System: Es habe bei der Sanierung des Sportplatzes Buchenberg „top funktioniert“.
Uwe Steubers Streiten für höhere Budgets und größere Verantwortung der Sportkreise sagte Manthey zwar seine grundsätzliche Unterstützung zu, aber auch eine „schwere Diskussion“ voraus. Für entsprechende Satzungsänderungen „brauchen wir eine Zweidrittelmehrheit“.
Landrat Reinhard Kubat, gleichzeitig Sportdezernent des Landkreises, begrüßte die Initiative des Sportkreises zu diesem „schwierigen Thema“. Die Gesellschaft verändere sich und das mache vor dem Sport nicht halt, sagt er. Kubat zeigte sich zum notwendigen Dialog bereit mit der Aufgabe, für die Zukunft gerüstet zu sein.

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Gerhard Menkel

Unser Menki arbeitet hauptberuflich seit 1987 als Sportredakteur bei der WLZ, ist einer unserer Dienstältesten Vorstandsmitglieder (schon seit "Mao") und unterstützt den Sportkreis als Pressewart.

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